Mario Tamponi Zurück
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Ich existiere, also bin ich. Eine Hymne an das Geschenk der Transzendenz Existieren ist meine kosmische Vergangenheit in der unergründlichen Weiterentwicklung vielfältiger Faktoren und Gleichgewichte; es ist meine Abstammung von Ahnen unzähliger Generationen in der Unwahrscheinlichkeit von Verbindungen und Abfolgen; es ist meine interaktive Wahrnehmung einer aus Formen und Farben, aus Ideen und Leidenschaften geflochtenen Welt; es ist mein Universum, in unterschiedliche Dimensionen geschichtet und da, wo das Unermessliche aus unendlich Kleinem besteht, verknüpft mit ausgeklügelten Codes und einer in jedem Fragment bebenden Energie; es ist meine Projektion von Raum und Zeit, die mich zu enthalten scheinen und die ich zu durchqueren vermute; es ist meine Symbiose von Körper und Seele mit dem Geist, der das Gehirn erzeugt, das den Geist erzeugt; es ist mein Durst nach Erkenntnis, aber je mehr ich weiß, desto größer werden Komplexität und Geheimnis; es ist meine Abhängigkeit von anderen, um zu überleben und zu glauben, dass ich nicht selber Täuschung bin; es ist meine unantastbare Individualität, die von Gemeinschaft und Gesellschaft lebt; es ist meine Fähigkeit, mich ins Unsichtbare zu transzendieren und dort die Harmonie zu entdecken, die meine Zerbrechlichkeit fühlbar und jeden Schmerz erträglich macht; es ist die Gewissheit eines tiefen Sinns, der mir die Sehnsucht einflößt, Teil dessen zu werden.
Existieren ist mehr als Leben; Leben ist nur das dünne Gewand, das sich beim Duft von Tau in der Meeresbrise kräuselt. Existieren geht dem Leben voraus und trägt es; es ist nicht nur Bewusstsein des molekular- mentalen Werdens, es ist auch der Faden, der die Ereignisse verwebt; es ist der Grund jeden Grundes und Lächeln, auch wenn das Leben strauchelt und schmerzt; es ist der Nachweis der Fata Morgana des Besitzes, auch wenn das Leben dem Haben folgt, das mich demütigt und zerfrisst. Von meinem Existieren bin ich nicht der Schöpfer, und so kann ich es auch nicht zerstören, Blasphemie wäre allein der Gedanke daran. Mein Existieren beginnt in der Zeit mit dem Stern, der die Wiege zeigt, den Hirten, die mir Gesellschaft leisten, und den Heiligen Königen, die mir exotische Geschenke aus fernen Ländern bringen. Ab diesem erhabenen Akt existiere ich für immer, auch wenn mich der Tod einholt, Metamorphose des Schönen für eine schönere Welt, wie die Lethargie des Murmeltiers, das den Winter überdauert, wie die Häutung der Schlange, die sich erneuert; der Übergang besitzt keine Uhren, um diese Zeit zu bemessen. Existieren mit dem Leben in der Zeit zu verwechseln ist höchste Idolatrie, die stirbt, wenn die Idole sterben. Man muss das Schlafwandler-Syndrom heilen, das, indem es das Existieren verschleiert, das Vergängliche vergöttert.
3 Existieren ist mehr als Dasein konjugiert in Ich-bin, Du-bist, Gott-ist. Das erdachte Sein ist Erzeugnis von Geschichte und abstrakter Metaphysik, von Begriffen und Syllogismen. Existieren dagegen steht für sich; es ist kein Wort oder Wortspiel wie im hamletschen Zweifel; vielmehr ist es das erschaffende WORT, die Wurzel eines jeden anderen wahren Wortes. Sein und Nichtsein haben eine Trennlinie, die sie verbindet und vereint. Nichtexistieren grenzt nicht an Existieren; zwischen beiden gibt es nichts Gemeinsames, nicht einmal die Möglichkeit, sich gegenseitig zu verneinen oder zu widersetzen. Nichtexistieren ist absoluter Nullpunkt, diesseits jeder Zahl und Rechenoperation, es ist Stille ohne Erinnerungen, das Unmögliche jedes Möglichen; es ist Nacht, die nicht an den Tag grenzt, Abgrund sternenloser Dunkelheit, Abgrund von Schatten, die die Leere verfälschen. Nichtexistieren ist bedeutungsloses Vakuum, ohne Raum und Horizont, ohne Zweifel und jedwede Frage. Existieren ist der Anfang von allem, das ich glaube, zu sein und werden zu können. "Cogito, ergo sum" ist vereinfachend. Naheliegender ist es auszurufen: "Ich existiere, also bin ich", wo "also" keine logische Folge ausdrückt, sondern Staunen und Glück. Glück und Staunen sind das Wesen des Wissens, das mit dem Existieren übereinstimmt. Ich existiere dank "Dem, der Ich bin", der Moses erschien und dessen Bleibe ich teile. Jeder Versuch, mir das zu begründen,
4 ist irreführend; sinnlos ist es hinzuzufügen: "ohne Verdienst", weil ich aus dem NEIN des Abgrunds komme, und das Verb "kommen" ist unpassend, weil Existieren im Existieren ist und das Gegenteil ist nichts. Existieren bedeutet ontologische Dankbarkeit, die Verstand und Gefühlen vorausgeht. Es ist Lob in tiefer Stille, nicht als Antwort darauf, etwas empfangen zu haben: Existieren ist kein Haben, nicht einmal eine Pflicht. Existieren ist Anfang: es kann nur geben. Christus offenbart mir, dass ich in der Beziehung mit dem anderen existiere: indem ich ihn liebe, stelle ich mich selbst wieder her innerhalb des Existierens, das reine LIEBE ist. Ein Gemisch aus Missverständnissen rationaler und verbaler Art entzündet den Streit zwischen Theisten und Atheisten, Laizisten und Gläubigen, ohne den Hauch einer Verständigung, soweit die Prämissen unklar bleiben oder aus unterschiedlichen metaphysischen Entwürfen oder aus ein und derselben Metaphysik stammen. Blasphemisch ist es, das Existieren zu verneinen: Verneine ich es, verneine ich auch mich selbst – gegen jeden meinen Herzschlag, gegen jeden meinen Gehirnimpuls, gegen jeden meinen Geistesblitz, gegen jeden meiner von Musen und Möwen inspirierten Höhenflüge. Blasphemisch ist auch das Gegenteil, das Existieren des Existierens beweisen zu wollen, weil Existieren kein Produkt ist, kein Gegenstand, keine Substanz, keine Insel, kein paralleler Superkosmos, kein „unbewegter Beweger“ einer großen Werkstatt, keine wirbellose Intelligenz, kein verdünnter Geist mit menschlichen Zügen. Existieren ist Evidenz diesseits jeder Logik,
Beschreibung und Suggestion; es ist Beziehung, die Himmel und Erde trägt und jedes kreative und individuelle Wesen. Macht es Sinn, das Dasein der Sonne an einem strahlend hellen Tag oder in einer Nacht, die ihrer sichere Erwartung atmet, beweisen oder verneinen zu wollen? Die Sonne ist Beziehung, die mich mit Licht und Wärme durchflutet und die ich mit freudigem Dank erlebe. Wenn es sie nicht gäbe, könnte ich nicht einmal davon träumen. Mario Tamponi