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Zwischen Renaissance und De Chiricos Metaphysik
Zwischen Renaissance und De Chiricos Metaphysik Riccardo Mantovani, seit 50 Jahren in Berlin Geboren in Ro in der Nähe von Ferrara im Jahr 1942, hatte Adelchi Riccardo Mantovani keineswegs jenes leichte Leben eines Märchenprinzen, von dem er so gerne träumte: der Tod des Vaters wenige Monate nach seiner Geburt, die Abkapslung mit vier Jahren in einem von Nonnen geleiteten Waisenheim in einem ehemaligen Kloster von Ferrara, mit zehn Jahren der Wechsel in ein Internat auf dem Land, der auferzwungene Glaube, die obsessiven, sich wiederholenden religiösen Praktiken, die Verdrängung seiner aufbrechenden künstlerischen Berufung... Und dann, nach kurzem Aufenthalt im Familienkreis, 1964 die Emigration nach Deutschland, zwei Jahre in Köln, danach in Berlin, das Leben als „Gastarbeiter“. Und als er schließlich trotz Fabrikarbeit Zeit und Mut zum Malen fand, begann er, Stück für Stück die Vergangenheit als verlorene Zeit aufzuarbeiten. Und so tauchen in seiner Malerei Ereignisse, Albträume, Gespenster und Träume wieder auf, Kloster und Internat, der Kampf zwischen Gut und Böse der religiösen Vorstellungswelt, der Zentralplatz von Ro und die Häuser von Ferrara, der Po, das Leben vor zwanzig Jahren. All das auf konkrete, detaillierte Art beschrieben, mit Metaphern oft irrealer Umrisse. Um Zugang zur künstlerischen Welt von Mantovani zu finden, ist es wichtig, seine Kindheit zu kennen, aber wer glaubt, dies reiche aus und diese Vergangenheit gehöre nur ihm, unterliegt einer Illusion. Trotz ihrer fast ausschließlich autobiographischen Bezüge führt seine Kunst, den Alltag als Kind aufgreifend, uns alle in die universale Welt der Psyche. Man muss nicht die gleichen oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben, um sich von seiner Phantasiewelt und deren Horizont angesprochen zu fühlen. Jeder von uns hat Zwänge und Frustrationen, Verdruss und Konformismus erlebt. Ereignisse und Konflikte, Konventionen und Dogmen der Vergangenheit werden szenisch umgesetzt und weisen darauf hin, dass das Leben meistens in Händen anderer liegt. Der Maler Mantovani entschlüsselt seine Erinnerungen, um unbarmherzige Illusionen und Stereotypen aufzudecken und sich auch in einer inzwischen veränderten Welt wiederzufinden; die Figuren, an die er sich erinnert, bilden keine kompakte, homogene Einheit, sondern fließen in loser Folge und in unvorhersehbaren Metamorphosen. Und doch weiß der Erzähler in diesem Rätselgespinst, dass es möglich ist, selber Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für das eigene Schicksal zu übernehmen. Es ist die Herausforderung und der Preis der Freiheit, dessen glaubwürdigste Botschafter paradoxerweise jene beklommenen Menschen sind. Mantovani ist kein Agnostiker. Seine Darstellungen sind oft tragisch, aber sie grenzen nie an Apathie oder Rebellion. Unbewegliche, fast metaphysische Figuren und Situationen verkörpern die ungeduldige Erwartung eines wichtigen kosmischen Ereignisses, in dem sich die ganze existenzielle Spannung, die einzig mögliche Hoffnung bündelt. Auch wenn er versucht, erlittene religiöse Mythen zu zerstören, negiert Mantovani nicht die Transzendenz, die in den einzelnen traumhaften Symbolen darzustellen ihm zwar nicht gelingt, die aber in deren Vernetzungen spürbar wird. Physische Unbeweglichkeit ist nicht das einzige Ausdruckselement seiner Phantasien. In seiner Malerei findet sich auch die Überwindung der Zeit, linear wie progressiv: Vergangenheit und Gegenwart, Alltag und Sehnsucht sind lebendig und durchdringen sich gegenseitig. Das Leben ist Traum, ein Traum im wirklichen Leben. Anteil an dieser Wirkung haben auch die Plastizität des Lichtes, die geduldige Ausarbeitung der Details, die Bilder erfundener, aber eindeutig zu erkennender Orte wie in der Architektur von Ferrara, die Statuenhaftigkeit des weiblichen Aktes, leicht erotisch, selten sinnlich oder leidenschaftlich, das ästhetische Ideal der italienischen Renaissance, die Neigung zur klassichen Harmonie und Symmetrie. Landschaften wie offene Felder und der vertraute Fluss werden zu Seelenräumen. Mantovani ist kein Naiver, kein Manierist, vielleicht nicht einmal ein Surrealist. Er folgt keinen Trends, keiner Mode. Autodidakt ohne Lehrer und Autoritäten, entwickelte er sich in kurzer Zeit zu einem technisch versierten Maler wie wenige seiner Zeitgenossen. Ein Perfektionist, erfüllt vom befreienden Bedürfnis, von sich selbst zu erzählen und seine Malerei der Erzählung unterzuordnen. Er ist als Künstler authentisch, gerade weil er sich nicht dessen bewusst ist, dass er, indem er von sich selbst erzählt, etwas Universelles zum Ausdruck bringt. Aus Italien schreibt ein angesehener Kunstkritiker, Vittorio Sgarbi, über ihn: „Seit über vierzig Jahren in Berlin lebend, ist er vielleicht der italienische Maler mit den originellsten Ideen und dem höchsten handwerklichen Talent. Nur die Maler der Renaissance besaßen diese Fähigkeit des Staunens, im letzten Jahrhundert vielleicht noch De Chirico. Unbewusst kreuzt sich die Renaissance von Mantovani mit der Metaphysik von De Chirico.“ Seit langem haben ihn auch andere Kritiker entdeckt, aber nicht in dem Maße, wie er es verdienen würde. Im Übrigen hat sich Mantovani nie um Public Relations gekümmert und wie die Pest jede Art von Kompromiss, von Rhetorik und Snobismus abgelehnt. Und so scheint das italienische Universum von Berlin für Italien leider immer noch in weiter Ferne Mario Tamponi